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And this is my story.



Mond


Der Junge, der Mond genannt wurde, saß mir gegenüber. Sein Blick war direkt auf mich gerichtet, aber er sah mich nicht an. Es war, als blickte er durch mich hindurch, als wäre er ganz woanders. Überhaupt erschien mir Mond des öfteren so, als wäre er nicht von dieser Welt. Wenn man ihn nur flüchtig mit seinen Blicken streifte, glaubte man wahrscheinlich, er wäre ein ganz gewöhnlicher Junge. Aber Mond war nicht gewöhnlich.
Mit seinem dichten, schwarzen, meist strubbeligen Haar, den klaren, grünen Augen, die einem bis auf den Grund der eigenen Seele zu blicken vermochten und der schmalen, zierlichen Gestalt, hatte er mehr etwas von einem Kind, als von einem Mann. Wie alt er wirklich war, konnte ich nicht genau sagen. Ging man nur vom Äußeren aus, hätte wohl jeder gesagt, wir wären im gleichen Alter. Vielleicht ein paar Monate auseinander, nicht mehr. Unterhielt man sich aber mit Mond, war er wie ein alter Mann. Mit seiner ruhigen, angenehmen Stimme, die immer ein wenig gelangweilt klang, brachte er Worte heraus, die einen augenblicklich in ihren Bann zogen. Man wollte ihm zuhören, man wollte wissen, wie er die Welt sah.
Mond war nie gelangweilt. Es war einfach seine Art. Er sagte selten etwas, aber wenn er sprach, dann log er nie. Er sagte immer die Wahrheit. Seine Wahrheit. Ob man ihm glaubte, blieb einem selbst überlassen. Man hatte eher das Gefühl, Mond spräche zu sich selbst, anstatt zu irgendeinem anderen. Im Grunde genommen war es nicht verkehrt, zu behaupten, Mond wäre seltsam. Mond war seltsam. Alles an ihm. Er nannte die Dinge beim Namen, sprach das aus, was man selbst lieber unausgesprochen ließ. So war er eben. Der Junge, der Mond genannt wurde.

"Regen."
Ich blickte ihn fragend an, aber Mond saß einfach nur da, als hätte er nie etwas gesagt. Ich sah aus dem Fenster. Der Himmel war grau, es dämmerte bereits, aber es regnete nicht. Ich hatte das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Wie immer, wenn er mit mir sprach.
Ich verstand ihn selten.
"Ich sehe es in deinem Inneren. Es regnet." Jetzt sah er mich wirklich an. Seine Worte veranlassten mich dazu, mein Gesicht leicht zu verziehen. Ich mochte es nicht, wenn er mich durchschaute. Er durchschaute mich immer. Er wusste selbst dann, was in mir vorging, bevor ich es überhaupt bemerkte.
"Warum regnet es?", fragte er mich. Ich zögerte. Mond stellte oft Fragen. Er besaß die Eigenart, genau die Fragen zu stellen, die man selbst entweder nicht beantworten wollte oder konnte. Aber noch viel schlimmer war es, dass er die Antworten bereits kannte. Und ich wusste, er hatte keine Scheu, sie zu nennen.
"Warum redest du es dir ein? Immer wieder." Ich konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen und wich seinem Blick aus. Dies war einer der Momente, in denen ich zwar glaubte, erahnen zu können, wovon er sprach, aber ich war mir eben doch nicht ganz sicher. Unruhig wanderten meine Blicke durch den Raum, über den Kamin, den roten Teppichboden, den langweiligen Glastisch und die kalten, schwarzen Ledercouchen, auf denen Mond und ich Platz genommen hatten. Die Finger meiner rechten Hand fanden meine Schlüsselkette. Ich hielt mich an ihr fest. Es beruhigte mich ein wenig.
"Ich weiß nicht, was du meinst." Obwohl ich mich bemühte, meiner Stimme einen festen Klang zu verleihen, zitterte sie ein wenig. Nicht viel, wahrscheinlich hätte es jeder andere überhört. Aber Mond war nicht jeder andere. Er hatte es gehört.
"Das stimmt nicht", sagte er und das mit einer Deutlichkeit in seiner Stimme, die mich leicht zusammenzucken ließ, "Du weißt genau, wovon ich spreche. Der Regen hat es mir verraten." Ich seufzte leise. Das tat ich immer, wenn ich mit einer Sache überfordert war. Ich seufzte oft.
"Du möchtest wissen, warum ich mein Leben hasse, nicht wahr?", fragte ich ihn, ohne aufzublicken. Ich sah viel lieber auf meine Hände. Ich wollte ihn nicht ansehen.
"Nein." Der Stoff seiner Kleidung raschelte und ich war mir sicher, dass er mich nun, mit verschränkten Armen dasitzend, musterte. Er hatte diese Art, einen anzusehen, sodass man es immer spürte. Seine Blicke gingen einem unter die Haut. Er sah in meine Seele.

"Ich möchte wissen, warum du dir einredest, dein Leben zu hassen." Nun sah ich ihn doch an. Er wusste, dass er mich wütend machte. Er machte mich immer wütend, wenn er mich Dinge fragte, über die ich nicht sprechen wollte.
"Ich rede es mir nicht ein!", fuhr ich ihn an. Es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, dass ich ihn anschrie. Er kannte es schon. "Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich es mir einrede? Du hast ja keine Ahnung!" Ich war aufgestanden und bedachte ihn mit einem finsteren Blick. "Du weißt nicht, wie sehr ich das alles hier verabscheue! Das dumme Gerede, die Gerüchte, die Leute, die mich ansehen, als wüssten sie alles über mich! Nichts wissen sie, gar nichts!" Mein Atem ging schneller und es fiel mir schwer, mich zu beruhigen. Mond schwieg. Er sah mich einfach nur an. Dann lächelte er.
"Setz dich." Ich schluckte und atmete tief durch. Er schaffte es immer wieder. Erst machte er mich rasend und kurz darauf reichten ein paar Worte von ihm, um meinen gesamten Ärger verpuffen zu lassen. Jetzt schämte ich mich dafür, ihn so angefahren zu haben. Er konnte ja nichts dafür.
"Es tut mir leid", sagte ich kleinlaut und setzte mich wieder. Ich fuhr mir durch die Haare, eine automatisierte Geste, um die Peinlichkeit zu überspielen. Es funktionierte nie. "Du weißt es nicht besser." Er sprach langsam, so, als denke er selbst noch über seine Worte nach. Aber wie ich ihn kannte, tat er das gar nicht. Er wusste immer, was er sagen wollte.
"Du hasst das Leben nicht. Du hasst nur das Leben, das du lebst." Er blickte aus dem Fenster. Als ich seinem Blick folgte, musste ich feststellen, dass es regnete.
"Das ist doch das Gleiche", antwortete ich leicht verärgert und verschränkte meine Arme.
Ich verstand einmal wieder nicht, was er mir sagen wollte. Ebenso wenig verstand ich, wozu dieses Gespräch überhaupt gut sein sollte. War es überhaupt für irgendetwas gut? "Nein. Es ist nicht das Gleiche." Er sprach, wie immer, recht leise. Wenn ich mich mit ihm unterhielt, konnte ich nie das Radio laufen lassen. Es hätte ihn übertönt.
"Es ist die Situation, die dir missfällt. Warum änderst du nichts daran? Warum interessiert es dich eigentlich, was die anderen über dich denken?"
Er hatte es einmal wieder geschafft. Er trieb mich in die Enge. Er ließ mich über Dinge nachdenken, die mir sonst nie in den Sinn gekommen wären. Seine Frage, warum ich die Situation nicht änderte, war gleichbedeutend mit der, warum ich nicht umziehen wollte. Und wenn ich letztere damit beantwortete, dass ich hier nicht wegwollte, erklärte ich ihm auch gleichzeitig, dass ich mich hier doch nicht ganz unwohl fühlte. Und warum mir die Meinung anderer so wichtig war, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hatte es mich nie gefragt, sondern es einfach hingenommen. Als ich zu ihm aufblickte, sah ich, dass er lächelte. Er hatte verstanden.
Er wusste, warum ich nicht antwortete.
So war er eben. Der Junge, der Mond genannt wurde.


© Luna, September 2009

CURRENT MOON